Montag, 18. Juni 2012

Ungreifbar


Der Wind rauscht leise. Es fahren keine Autos mehr um diese Zeit. Jetzt ist es ganz still.
Ich spüre die harten Kieselsteinchen unter meinen Händen. Sie knirschen, während ich sie mit meiner Faust umschliesse und langsam auf den Boden fallen lasse.
Ich weiss nicht wieso ich hier bin. Keine Ahnung was mich her gerufen hat. Ich sitze einfach hier. Ohne Grund. Ohne Sinn. Ohne Ziel.
Vielleicht bin ich gekommen, um nachzudenken. Doch mein Verstand ist zu müde um sich zu sorgen oder einen Grund zu finden. Einen Grund wofür?
Ich weiss es nicht.
Es ist ein und dieselbe Frage. Immer und immer wieder in meinem Kopf. Sie schreit nach einer Antwort. Einer Antwort die ich nicht kenne.
Denn auch die Frage kenne ich nicht.
Sie ist einfach da. Nicht greifbar. Aber beständig.
Ich taste nach der Mauerwand an der ich lehne. Nach den festen Steinen. Massiv, mit Vertiefungen und Erhöhungen. Sie fühlt sich kühl an, unter meinen warmen Fingern.
Die Stille in mir macht mich skeptisch. Nur mein regelmässiger Atem tritt hörbar nach aussen.
Alles andere bleibt still verborgen in mir, in sich selbst.
Ich werde nicht versuchen nach ihm zu greifen, diesem Gefühl, dass noch etwas fehlt.
Diesem Gefühl, dass da eine Frage ist, die nach einer Antwort schreit.
Eine Zeit lang habe ich geglaubt, es sei die Frage nach mir selbst. Die Frage danach wer ich bin.
Woher ich komme, dessen bin ich mir bewusst. Wohin ich gehe auch. Aber wer bin ich?
In einer Spirale voller Fragen nach Umfeld und Einfluss, kristallisierte sich immer und immer weiter die rohe, nackte Frage nach dem wer heraus.
Doch auf sie gibt es keine Antwort. Noch nicht. Die Antwort auf das „wer“, beantwortet sich jeden Tag durch unser Handeln ein Stückchen mehr. Bis am letzten Tag, wenn wir dieses Leben verlassen, unser ich zu Ende geschrieben wird.
Aber dies war nicht die Frage, die mir keine Ruhe lässt.
Wieder spüre ich in mir diesen Ruf aufkeimen. Jenes Flehen nach dem, was ich nicht weiss.
Langsam stehe ich auf. Klopfe mir den Dreck von den Klamotten. Vorsichtig streiche ich noch einmal über die Mauer. Ich mag es, den Stein zu fühlen.
Er holt mich zurück ins hier. Ins jetzt. In die Welt, in der Dinge greifbar sind.  

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